Wenn der Partner seine Kinder immer bevorzugt

„Ich weiß ja, dass seine Kinder wichtig sind. Und ich will auch gar nicht, dass er sich zwischen ihnen und mir entscheidet. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass ich immer diejenige bin, die zurückstecken muss.“

Solche Sätze höre ich in meiner Beratung immer wieder.

Eine Verabredung wird abgesagt, weil das Kind spontan etwas unternehmen möchte. Gemeinsame Wochenenden werden umgeplant. Entscheidungen, die eigentlich das Paar betreffen, werden davon abhängig gemacht, was die Kinder wollen.

Und irgendwann steht eine Frage im Raum, die viele kaum auszusprechen wagen:

„Bin ich meinem Partner eigentlich weniger wichtig als seine Kinder?“

Kinder und Partner sind keine Konkurrenten

Zunächst einmal: Kinder brauchen die Sicherheit, dass sie für ihre Mutter oder ihren Vater wichtig bleiben. Gerade nach einer Trennung kann diese Sicherheit besonders bedeutsam sein.

Ein neuer Partner oder eine neue Partnerin sollte deshalb nicht erwarten, dass die Kinder plötzlich an Bedeutung verlieren.

Aber daraus folgt nicht, dass die Paarbeziehung immer an letzter Stelle stehen muss.

Kinder und Partner haben unterschiedliche Plätze im Leben eines Menschen.

Die Liebe zu einem Kind ist etwas anderes als die Liebe zu einem Partner. Beides lässt sich nicht sinnvoll gegeneinander aufrechnen.

Schwierig wird es, wenn aus dem verständlichen Wunsch, für die Kinder da zu sein, ein Muster entsteht, in dem die Bedürfnisse des Partners dauerhaft keinen Raum mehr bekommen.

Wenn immer nur einer zurücksteckt

Natürlich müssen Eltern manchmal Pläne ändern. Ein krankes Kind braucht Betreuung. Ein Kind in einer Krise braucht Zuwendung. Und nicht jeder Wunsch nach Paarzeit kann sofort erfüllt werden.

Das gehört zum Familienleben.

Aber es macht einen Unterschied, ob eine Ausnahme notwendig ist oder ob die Wünsche der Kinder grundsätzlich jede gemeinsame Entscheidung bestimmen.

Wenn ein Paar nie ungestört Zeit miteinander verbringen kann, weil die Kinder jederzeit Vorrang haben, entsteht häufig Frust.

Und dieser Frust richtet sich irgendwann nicht nur gegen den Partner.

Manchmal trifft er auch die Kinder.

Nicht weil die Kinder etwas falsch gemacht haben, sondern weil die Erwachsenen keine gute Balance gefunden haben.

Hinter dem Verhalten steckt manchmal ein schlechtes Gewissen

Viele getrennte Eltern tragen Schuldgefühle mit sich herum.

Vielleicht haben sie das Gefühl, ihren Kindern durch die Trennung etwas genommen zu haben. Vielleicht möchten sie verhindern, dass die Kinder noch einmal enttäuscht werden.

Dann fällt es schwer, Nein zu sagen.

Ein Wunsch des Kindes wird erfüllt, obwohl eigentlich etwas anderes vereinbart war. Ein gemeinsamer Abend wird abgesagt, um bloß keine Enttäuschung auszulösen.

Was liebevoll gemeint ist, kann auf Dauer jedoch schwierig werden.

Denn Kinder brauchen nicht nur Zuwendung. Sie brauchen auch Erwachsene, die Verantwortung für Entscheidungen übernehmen.

Und sie dürfen erleben, dass Mama oder Papa neben der Elternrolle auch ein eigenes Leben und eine Partnerschaft haben.

„Du bist eifersüchtig auf meine Kinder!“

Dieser Vorwurf fällt in Patchworkfamilien manchmal erstaunlich schnell.

Sobald der neue Partner mehr gemeinsame Zeit einfordert oder sich über eine abgesagte Verabredung ärgert, heißt es:

„Du bist doch nur eifersüchtig auf meine Kinder.“

Vielleicht gibt es tatsächlich Eifersucht. Auch dieses Gefühl darf man ernst nehmen.

Aber oft steckt etwas anderes dahinter.

Der Wunsch, berücksichtigt zu werden.

Der Wunsch, gemeinsame Entscheidungen treffen zu können.

Und das Bedürfnis, zu spüren:

„Unsere Beziehung ist dir ebenfalls wichtig.“

Wer diese Bedürfnisse sofort als Eifersucht abwertet, übersieht möglicherweise das eigentliche Problem.

Kinder dürfen wichtig sein – ohne alles zu bestimmen

Eine gute Patchworkfamilie entsteht nicht dadurch, dass immer alle Wünsche erfüllt werden.

Sie entsteht auch nicht dadurch, dass der neue Partner automatisch denselben Stellenwert bekommt wie die Kinder.

Vielmehr braucht es Klarheit darüber, wer welche Verantwortung trägt.

Kinder dürfen Wünsche äußern, enttäuscht sein und ihre Meinung sagen.

Aber sie sollten nicht die Verantwortung dafür tragen, ob die Paarbeziehung funktioniert.

Die Gestaltung der Partnerschaft ist Aufgabe der Erwachsenen.

Dazu gehört auch, gemeinsame Zeit zu schützen, Absprachen einzuhalten und miteinander zu besprechen, welche Entscheidungen die Kinder betreffen – und welche das Paar selbst treffen muss.

Was Paare miteinander besprechen sollten

Manchmal hilft es, nicht darüber zu streiten, wer wichtiger ist, sondern konkreter zu werden.

Was genau verletzt mich?

Geht es um abgesagte Verabredungen? Um fehlende Zweisamkeit? Um Entscheidungen, bei denen ich nicht gefragt werde?

Und auf der anderen Seite:

Wovor hat der Elternteil Angst, wenn er den Kindern Grenzen setzt?

Davor, sie zu enttäuschen? Sie zu verlieren? Oder ihnen das Gefühl zu geben, ersetzt zu werden?

Wenn beide verstehen, was hinter dem Verhalten des anderen steckt, verändert sich oft das Gespräch.

Aus „Du stellst deine Kinder immer über mich“ kann dann vielleicht werden:

„Ich möchte, dass deine Kinder ihren sicheren Platz haben. Aber ich brauche auch einen Platz an deiner Seite.“

Das ist eine ganz andere Ausgangsbasis.

Es geht nicht um den ersten Platz

Vielleicht ist die Frage, wer an erster Stelle steht, ohnehin die falsche.

Denn eine Familie ist kein Wettbewerb, bei dem es nur einen Gewinner geben kann.

Kinder brauchen verlässliche Eltern.

Paare brauchen eine Beziehung, die gepflegt wird.

Und Bonuseltern brauchen das Gefühl, nicht nur dann dazuzugehören, wenn sie gerade gebraucht werden.

Es geht nicht darum, sich zwischen Kindern und Partner zu entscheiden. Sondern darum, beiden Beziehungen einen guten Platz zu geben.

Das gelingt nicht immer sofort.

Aber es beginnt damit, dass die Erwachsenen einander zuhören – ohne die Kinder zum Problem zu machen.


Wenn das Gefühl, immer zurückstecken zu müssen, eure Beziehung belastet, kann ein Gespräch von außen helfen.

In meiner Beratung unterstütze ich Paare und Patchworkfamilien dabei, die Bedürfnisse aller Beteiligten besser zu verstehen und wieder miteinander ins Gespräch zu kommen.

Wenn du das Gefühl hast, dass nicht nur die Kinder deines Partners, sondern das gesamte Familienleben zur Belastung wird, lies auch meinen Ratgeber „Patchworkfamilie funktioniert nicht – was tun?“.