Patchworkfamilie – muss ich die Kinder meines Partners lieben?

„Ich mag die Kinder meines Partners nicht. Ich bemühe mich immer wieder, aber am Ende des Tages bin ich frustriert.“

Diesen Satz auszusprechen, fällt vielen Menschen in einer Patchworkfamilie unglaublich schwer. Oft folgt sofort das schlechte Gewissen: Darf ich das überhaupt denken? Was stimmt mit mir nicht? Und was bedeutet das für unsere Beziehung?

Die kurze Antwort lautet: Nein, du musst die Kinder deines Partners nicht lieben. Liebe lässt sich nicht verordnen. Auch nicht in einer Patchworkfamilie.

Eine Patchworkfamilie entsteht nicht automatisch durch eine neue Partnerschaft

Du hast dich in einen Menschen verliebt – nicht automatisch in sein gesamtes bisheriges Familienleben.

Die Kinder deines Partners haben bereits eine Geschichte, eine Mutter oder einen Vater, Gewohnheiten, Regeln und eine ganz eigene Beziehung zu deinem Partner.

Und auch du kommst mit deiner Geschichte, deinen Vorstellungen und vielleicht eigenen Kindern in diese neue Familie.

Auf einmal sollen aus Menschen, die einander nicht ausgesucht haben, eine Familie werden.

Das braucht Zeit. Manchmal sehr viel Zeit.

„Aber ich sollte seine Kinder doch lieben …“

Gerade Stiefmütter und Stiefväter setzen sich häufig enorm unter Druck.

Sie möchten alles richtig machen, verständnisvoll sein, die Kinder willkommen heißen und möglichst schnell ein harmonisches Familienleben schaffen.

Wenn sich die erhoffte Nähe nicht einstellt, entsteht Enttäuschung.
Dabei ist Sympathie keine Voraussetzung dafür, respektvoll miteinander umzugehen.

Du musst ein Kind nicht lieben, um ihm mit Respekt, Freundlichkeit und Interesse zu begegnen.

Und vielleicht entsteht mit der Zeit eine tiefe Verbindung. Vielleicht aber auch nicht.

Beides darf sein.

„Mein Partner kritisiert meine Kinder ständig und zeigt mir ständig, wie toll seine Kinder sind. Das macht es mir fast unmöglich, einen ungetrübten Blick auf seine Kinder zu entwickeln.“

Wenn der Partner erwartet, dass du seine Kinder genauso liebst wie er

Hier liegt häufig ein Konflikt in Patchworkbeziehungen.

Für deinen Partner sind seine Kinder ein selbstverständlicher Teil seines Lebens. Er liebt sie bedingungslos und kann sich möglicherweise nur schwer vorstellen, dass du anders empfindest.

Für dich sind diese Kinder zunächst Menschen, zu denen eine Beziehung erst entstehen muss.

Das ist ein großer Unterschied.

Besonders schwierig wird es, wenn unausgesprochene Erwartungen entstehen:

„Du wusstest doch, dass ich Kinder habe.“

Oder:

„Wenn du mich liebst, musst du auch meine Kinder lieben.““ Du könntest dich wenigstens bemühen.“

So funktioniert Beziehung jedoch nicht.
Was dein Partner erwarten darf, ist ein respektvoller Umgang mit seinen Kindern. Liebe kann er nicht verlangen.

Eigene Kinder und Stiefkinder fühlen sich oft unterschiedlich an

Wenn du selbst Kinder hast, kommt häufig noch ein weiteres Tabuthema hinzu. Du liebst deine eigenen Kinder anders als die Kinder deines Partners.
Auch das ist zunächst einmal normal.

Mit deinem eigenen Kind verbindet dich möglicherweise eine Beziehung seit dessen Geburt. Ihr habt gemeinsam Jahre erlebt, Krisen überstanden, Erinnerungen geschaffen und eine tiefe Bindung entwickelt.

Ein Stiefkind tritt zu einem viel späteren Zeitpunkt in dein Leben.
Warum sollte sich diese Beziehung vom ersten Tag an genauso anfühlen?
Das Ziel einer Patchworkfamilie sollte deshalb nicht sein, dass alle einander gleich lieben. Viel wichtiger ist, dass sich jede Beziehung in ihrem eigenen Tempo entwickeln darf.

Was Kinder in einer Patchworkfamilie wirklich brauchen

Kinder brauchen nicht zwingend eine zweite Mutter oder einen zweiten Vater. Sie brauchen Erwachsene, die verlässlich sind.
Erwachsene, die ihre Grenzen respektieren.
Erwachsene, die nicht versuchen, einen Elternteil zu ersetzen.

Und Erwachsene, die ihnen Zeit geben.
Gerade am Anfang kann weniger manchmal mehr sein.

Du musst nicht sofort erziehen, beste Freundin oder bester Freund werden oder eine besonders enge Beziehung herstellen.

Vielleicht besteht der erste Schritt einfach darin, freundlich und interessiert zu sein. Nähe darf wachsen.

Was tun, wenn ich das Kind meines Partners wirklich nicht mag?

Hier lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Was genau stört dich?
Ist es tatsächlich das Kind?
Oder sind es Verhaltensweisen, bei denen dein Partner keine Grenzen setzt? Fühlst du dich in deinem eigenen Zuhause zurückgesetzt?

Darfst du bei Entscheidungen mitreden?

Verändert sich dein Partner völlig, sobald seine Kinder da sind?

Gibt es ständig Konflikte mit der Ex-Partnerin oder dem Ex-Partner?

Oder hast du das Gefühl, dass für eure Paarbeziehung kaum noch Platz bleibt?

Manchmal richtet sich der Ärger gegen das Kind, obwohl der eigentliche Konflikt zwischen den Erwachsenen liegt.

Diese Unterscheidung ist enorm wichtig.

Ein Kind sollte nicht für die Konflikte der Erwachsenen verantwortlich werden

So verständlich schwierige Gefühle sein können: Kinder dürfen nicht die Verantwortung dafür tragen.

Abwertung, Konkurrenz oder der Versuch, den Partner zwischen „mir oder deinem Kind“ entscheiden zu lassen, führen fast immer zu noch größeren Verletzungen.

Die Verantwortung für die Gestaltung der Patchworkfamilie liegt bei den Erwachsenen.

Und dazu gehört auch, unangenehme Gefühle ernst zu nehmen, bevor daraus dauerhafte Konflikte entstehen.

Patchwork muss nicht perfekt sein

Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erkenntnisse:

Eine gute Patchworkfamilie muss sich nicht wie eine klassische Familie anfühlen.

Es dürfen unterschiedliche Beziehungen nebeneinander existieren. Manche sind innig.
Manche freundschaftlich.
Manche bleiben eher auf respektvoller Distanz.

Entscheidend ist nicht, ob alle einander gleich lieben. Entscheidend ist, ob alle ihren Platz finden dürfen. Wenn Patchwork zur Belastung wird

Wenn die Kinder deines Partners immer wieder zu Konflikten zwischen euch führen, du dich ausgeschlossen fühlst oder ihr als Paar bei diesem Thema nicht mehr miteinander weiterkommt, kann ein Blick von außen helfen.

In meiner Arbeit mit Patchworkfamilien erlebe ich immer wieder, dass nicht fehlende Liebe das eigentliche Problem ist, sondern ungeklärte Rollen, Erwartungen und Grenzen.

Diese gemeinsam sichtbar zu machen, kann vieles verändern.

Michaela Schindler

Beratung und Coaching für Patchworkfamilien